Drei Tage
Menschenmögliches.

Drei Tage lang wurde in St. Bartlmä gedacht, gebaut, gestritten, gesungen und zugehört.

Über 1.300 Menschen sind unserer Einladung gefolgt, einer Frage nachzugehen, die leichter klingt, als sie ist: Welche Zukunft hat das originär Menschliche? Eine endgültige Antwort haben wir nicht mit nach Hause genommen, aber viele halbendgültige. Und die Gewissheit, dass es sich lohnt, weiterzufragen.

Ein Ort mit Spuren.

St. Bartlmä war kein Zufall. Ehemalige Industriebrache, große Hallen, kleine Ateliers, weite Flächen dazwischen. Zeit und Menschen haben hier ihre Spuren hinterlassen, und man sieht sie. Einen besseren Gegenentwurf zum Glatten, Perfekten und Generierten gibt es in Tirol wohl kaum. Von 24. bis 26. September haben wir diesen Ort bespielt – und er uns. Ecken und Kanten inklusive.

 

Eine Behauptung, ein Experiment.

»The Future of Original« – leichter gesagt als gedacht. »Original« war lange ein Versprechen. Seit Maschinen auf Zuruf Texte, Bilder und Melodien liefern, die sich sehen und hören lassen können, steht dahinter ein Fragezeichen. Wir haben dem eine Behauptung entgegengesetzt: Das Originäre bleibt Sache des Menschen. Muss es bleiben. Nicht, weil die Maschine nichts kann. Sondern weil das Wählen, Verwerfen und Verantworten an uns bleibt.

Bewiesen war damit noch nichts. Allen, die zum Festival beigetragen haben, haben wir vorab geschrieben, sie seien Teil eines Experiments mit offenem Ausgang. Und wir haben ihnen drei Fragen mitgegeben: Was lässt Menschen heute überhaupt noch zu Originalen werden? Was soll uns schöpferische Originalität wert sein, wenn fast alles maschinell machbar scheint? Und wie hoch muss unser Einsatz sein, damit wir dieses menschliche Grundvermögen nicht verlernen?

 

Vier Spielarten.

Zuhören, selbermachen, hinschauen, mitfeiern. Talks zum Zuhören und Diskutieren, Labs zum Selbermachen, Walks zum Hinschauen, Spirits für alles, was nach Bühne und Bass verlangt. Dazwischen: Begegnungen, die so in keinem Programm stehen. Eine Physikerin neben einem Schauspieler, eine Glockengießerei neben einem Grafikdesigner von Weltrang, ein Jugendtheater neben einem MCI-Professor.

Der RUPTUR Tourismusdialog nahm sich den Ganzjahrestourismus vor, S’ Gelbe Egg lud Frauen aus der Kreativwirtschaft zum strategischen Austausch, ein Vortrag zeigte, wie internationale Filmproduktionen in der Tiroler Bergwelt arbeiten. Und schon am Donnerstagnachmittag traf sich die Tiroler Kommunikations- und Werbebranche zum ersten Branchensummit der Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation. Das meiste davon gratis oder um kleines Geld.

 

Auftakt.

Ein Eröffnungsabend, der die Tonlage vorgab. Die erste Antwort auf die erste Frage stand schon auf der Bühne. Francesca Ferlaino forscht als Physikerin an der Universität Innsbruck und ist Österreichs Wissenschafterin des Jahres. Rainer Bock kennt das Kinopublikum aus Michael Hanekes »Das weiße Band« und Quentin Tarantinos »Inglourious Basterds«. Sie rechnet mit den Urkräften unserer Realität, er lieh ihnen mit Texten des »philosophischen Clowns« Hanns Dieter Hüsch seine Stimme. Was die beiden über alle Fachgrenzen hinweg verbindet: Sie bleiben seit Jahrzehnten an einer Sache dran, oft auch gegen jede naheliegende Empfehlung und zwingende Logik.

Die Schauspielerin Eva Maria Gintsberg las Sätze zu jenem Thema, das neben dem Motto über dem ganzen Festival stand – Kreativität. Und das Tanztheaterensemble DRIFT rund um Eva Müller setzte die Eröffnung in Szene und mit ihr den Ton für die Tage, die folgten.

Frage eins.

Was macht Menschen zu Originalen? Bandbreite und Tiefgang: Dieses Muster zog sich durch die Talks. Der Tiroler Fotograf Clemens Ascher zeichnete auf Einladung der Landesinnung Berufsfotografie den langen Weg von der ersten Idee bis zum fertigen Bild nach. Jian Ping He, einer der bedeutendsten Designer der Gegenwart, brachte seine »Paperworks« mit. Katharina Cibulka hängt mit ihrem Projekt SOLANGE seit sieben Jahren feministische Sätze in einer Größe an Fassaden, die jedes Wegschauen unmöglich macht. Und das Jugendtheaterkollektiv Kufstein Diaries stellte mit »Delete Humanity« die Machtfrage zwischen KI und Mensch gleich selbst auf die Bühne.

Legt man diese Reihe nebeneinander, erkennt man Originale an drei Dingen: Sie wollen etwas. Sie riskieren etwas. Und sie stehen mit ihrem Namen dafür ein. Ein Sprachmodell hat Trainingsdaten. Eine Handschrift entsteht aus Lebenspraxis – aus ungezählten Stunden des Übens, Verwerfens, Wiederholens und Neubeginnens.
Mitkurator Tom Jank: »Vielleicht müssen wir Originalität neu verstehen. Nicht als den Zwang, etwas zu erfinden, das noch nie jemand gedacht hat. Sondern eher als den Mut, sich ein eigenes Urteil zu bilden – gerade in einer Zeit, in der uns Maschinen immer mehr Denken abnehmen.«

 

Frage zwei.

Was muss uns Kreativität wert sein? Hier wurde es konkret, auch für die eigene Branche. Michelle Scholz gab die Richtung im Titel ihres Vortrags vor: »The Age of Judgement. From Building to Deciding.« Wenn das »Bauen« – also das Probieren und Machen – durch technische Hilfe billig und schnell wird, steigt der Wert des Beurteilens, Entscheidens und verantwortungsvollen Umsetzens. Agenturen und Einzelkämpfer*innen werden künftig weniger Ausführung verkaufen und mehr Urteil. Und genau dieses Urteil passt schlecht in gewohnte Schemata und Stundensätze.

Das Fö N_Podium #1 stellte die Frage eine Nummer größer: »Wie besser wirtschaften?« Unter anderen diskutierten Oliver Som, Elisabeth Sechser, Ines Omann und Sabrina Steindl über eine Wirtschaft, die dem Menschen und einem intakten Planeten dient. Richard Schwarz nahm sich unter dem Titel »Wofür das Geld?« das teuerste Kunstwerk Österreichs vor und legte die Mechanik des Kunstmarkts offen. Das diskursive Mittagessen »Schon genug?« servierte zum Essen die Frage, wie lange ein ungebremstes »immer mehr« noch gut gehen kann. Lisa Lechner und Andrea Baumann gaben mit »Contain« Daten einen Körper, und Lorenz Kilga zeigte, warum junge Generationen Marken neu denken, statt nur Logos zu tauschen.

Was daraus folgt, ist schlicht und unbequem zugleich: Kreativität ist eine Kulturtechnik wie Lesen und Rechnen. Wer sie morgen nutzen will, muss sie heute ermöglichen – in Honoraren, in Budgets, in Förderprogrammen. Und vor allem in der Zeit, die ein guter Gedanke nun einmal braucht.

 

Frage drei.

Wie verlernen wir sie nicht? Kreativität verhält sich wie eine Sprache: Wer sie nicht spricht, verliert sie. Das Fö N_Podium #2 »Wie Zukunft lernen?« suchte deshalb unter der Moderation von Ivona Jelčić nach einem zukünftigen Bildungssystem. Auf dem Podium diskutierten die bekannte Kulturwissenschafterin und Autorin Mirjam Zadoff, die Schulleiterin Ulrike Schmidt-Zachl, der Vizerektor der Pädagogischen Hochschule Tirol Gregor Örley, die Leiterin der Kunst- und Architekturschule Monika Abendstein sowie der Illustrator Lukas Kummer. Die Szenen aus seiner Graphic Novel »Die Ursache«, die Thomas Bernhards Jugenderinnerung an Gymnasium und Internat eindrücklich in Bilder übersetzte und die von der Schauspielerin Eva Maria Gintsberg gelesen wurden, schafften einen Rahmen für die von allen getragene Forderung nach einem Bildungssystem, das kreative menschliche »Originale« entlassen soll statt bloßer »Absolvent*innen«.

Geübt wurde währenddessen mit Händen und Füßen. Die Kunst- und Architekturschule bilding baute mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Freiräume. In der Buchbinderei Sanders in der Neurauthgasse lernten sich beim »Material-Speed-Dating« Menschen, Papier und Stoff neu kennen. Die Matsch-Küche arbeitete im Kollektiv und vor allem mit Ton. Ein Film-Lab übte die richtige Frage im richtigen Moment, ein Improvisations-Workshop mit Oliver Som das Handeln ohne Plan, und Empatic fragte, wie Unternehmen dem Unerwarteten Platz machen. Selbst beim Copywriting-Workshop »Am Anfang war der Prompt« von TreffPunktText und im KI Café der Fachgruppe Werbung ging es letztlich um Handwerk, Haltung und eigenes Urteil.

Andere öffneten ihre Türen: die Glockengießerei Grassmayr ihre Werkstatt und damit Jahrhunderte an Erfahrung, das Tiroler Landestheater seine sonst verborgenen Gewerke. Markus Weithas las beim Typowalk die Schriften Wiltens, eine Exkursion erkundete die Kulturorte am Stadtrand Süd, und ein Rundgang fragte nach der Zukunft von St. Bartlmä selbst.

Zwischenräume.

Beiwerk, das nie als solches gedacht war. Die Fö N_Spirits waren die Freigeister des Festivals. Zwischen den Talks blieb Zeit für die Bar, fürs Essen und für Gespräche, in denen Menschen aufeinandertrafen, die sich sonst selten begegnen: aus Wissenschaft und Wirtschaft, aus Gestaltung und Kunst, aus dem Kinderlabor und aus der Konzerthalle. Genau darum ging es uns. Wer nur für einen Vortrag gekommen war, blieb oft länger als geplant.

Musik und Theater gaben den Takt. Die Wiltener Sängerknaben und der Mädchenchor ließen sich bei der Probe über die Schulter schauen, Woschdog spielten auf, und das Electric Sunrise Breakfast holte am Freitag um halb sieben die ganz frühen Vögel aus den Federn. Der Theaterabend »Komm schon – du willst es doch auch!« verband zwischen Konzert, Performance und Text Rollenbilder und Schönheitsideale mit Fragen nach Macht, Gewalt und Gleichstellung. Danach traf bei Cemplified feat. Samuel Plieger Beatbox auf Klassik. Und am Samstag setzten Monobrother + Klebstoff mit grandioser urbaner Hip-Hop-Lyrik den Schlusspunkt.

Was bleibt.

Das Schlusspodium und eine Behauptung auf dem Prüfstand. Am Samstagabend kehrte das Fö N_Podium #3 dorthin zurück, wo alles begonnen hatte: zum Motto. Die Psychologin Johanna Constantini, die Philosophin und Theologin Claudia Paganini, der Illustrator Patrick Bonato, der Rechtsphilosoph Christoph Schranz und der Texter und Konzeptionist Tom Jank diskutierten unter der Moderation von Kurt Höretzeder, was der Wandel durch Künstliche Intelligenz für das Originale bedeutet.

Was bleibt also von unserer Behauptung? Kein Triumph über die Maschine – aber eine Perspektive, die Mut macht. Im besten Fall führt dieser Wandel dazu, wieder genauer hinzuschauen: auf die »echte« Welt und auf Bedürfnisse, die abseits von Algorithmen nach Hand, Körper, Gefühl und Anteilnahme verlangen. Mit dem Geniekult vergangener Zeiten hat Originalität dabei wenig zu tun. Sie wurzelt in sozialen Fähigkeiten – in Engagement, Aufmerksamkeit, Zusammenarbeit, Empathie und Gerechtigkeit. Und in der Grundregel allen kreativen Schaffens: die Welt immer wieder neu sehen und verändern zu wollen.

Am meisten gefreut hat uns eine Rückmeldung, die wir aus dem Publikum immer wieder gehört haben: dass man hier Gedanken über Kreativität im Zeitalter der KI kennenlernen konnte, die man so – und in dieser Kombination – noch nicht gehört, gesehen und diskutiert hatte. Mögen sie weitergetragen werden.

 

Wer am Fö N Wind machte.

Danke. Ein Festival mit großteils freiem Eintritt braucht Menschen, die vorher Geld und Zeit auf den Tisch legen – und Menschen, die drei Tage lang alles auffangen, was ein Festival so mit sich bringt. Die Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation der WK Tirol und die Lebensraum Tirol Holding haben das finanzielle Fundament gelegt. Daniel Dlouhy und sein Team haben das Festival organisiert und gemeinsam mit dem Team von St. Bartlmä dafür gesorgt, dass sich Gäste, Bands und Vortragende gut aufgehoben fühlten. Hakte die Technik einmal – auf einem alten Industrieareal nicht ganz untypisch –, war die Lösung da, bevor jemand von einem Problem sprechen konnte. »Service is our success«, sagt Dlouhy mit einem Augenzwinkern.

Partner*innen wie WEI SRAUM, aut. architektur und tirol, TKI, bilding, das Tiroler Landestheater und kreativland.tirol haben das Programm mitgetragen, über 150 Mitwirkende haben es mit Leben gefüllt. – Danke an alle, die etwas beigetragen haben. Und an alle, die gekommen sind.

 

Wie es weitergeht.

Im Herbst 2028 weht der Fö N wieder. Mit jeder Ausgabe wissen wir ein Stück genauer, was dieses Festival sagen will. Und mit jedem Mal fällt es auch unserem Publikum leichter, sich auf sein Kernthema einzulassen: Kreativität als grundlegende menschliche Fähigkeit. Im Herbst 2028 geht es weiter – mit neuem Motto, neuen Formaten und hoffentlich ebenso vielen Begegnungen wie in diesen drei Tagen.

Die Maschine liefert das Mögliche in jeder gewünschten Menge. Das Menschenmögliche beginnt dort, wo jemand auswählt, etwas weglässt und für das Ergebnis geradesteht. Drei Tage lang hat St. Bartlmä dafür Anschauungsmaterial geliefert. Vom Prompt bis zum Tonklumpen.

 

Fö N 26 in Zahlen

  • 3 Tage
  • 24.–26. September 2026
  • St. Bartlmä, Innsbruck
    über 1.300 Besucher*innen
  • 4 Formate
  • 36 Programmpunkte
  • über 150 Mitwirkende